Donnerstag, 20. Februar 2014

Der Fall Edathy - und die Kinderpornographie

Der Fall Edathy geistert ja momentan durch alle Medien. Die Hintergründe über die Kinderpornographie werden dabei nur wenig beleuchtet. Die heutige Ausgabe der "ZEIT" bringt gerade über diese Hintergründe, wie immer gut recherchiert, weitergehende Informationen. Die Überschrift "Ein globales Geschäft" auf Seite vier zeigt auf, woher die Filme stammen, die der ehemalige Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy von der kanadischen Firma Azov Films herunterlud.

Der deutsche Markus R. war nach Meinung der kanadischen Ermittler einer der wichtigsten Zulieferer. Er sorgte für das entsprechende "Filmmaterial", indem er in Rumänien Jungs Karate-Kurse anbot und sie danach zu den Aufnahmen animierte oder notfalls mit Drohungen nötigte. Nachdem der Vater eines der Kinder misstrauisch wurde und den Fall ins Rollen brachte, wurde Markus R. von einem rumänischen Gericht zu drei Jahren verurteilt. Bei den Ermittlungen tauchten Unterlagen einer angeblichen Hilfsorganisation auf, deren Vorstand auch in die Sache verwickelt war. Die Spur führte nach Kanada zu der Firma Azov Films, was dann unter anderem auch den Fall Edathy ins Rollen brachte. Zitat: "Bis Ende 2013 wurden in der internationalen Polizeioperation Spade (Spaten) weltweit mehr als 340 Personen festgenommen und fast 400 Kinder als Opfer identifiziert" (Zitatende).

Nach dem Lesen des Artikels ist mir erst einmal schlecht. Wie krank, im Sinne von abartig, müssen Menschen sein, die solche Filme drehen; die, welche sie zur Verfügung stellen; die, welche sie anschauen? Wie kaltschnäuzig und skrupellos muss der Filmemacher sein, der die Armut und Trostlosigkeit von Kindern ausnutzt, um sie durch kleine Geld- und andere Geschenke und wohl auch gezielt angewandte persönliche Anerkennung zu solch perversen Spielchen zu bringen? Wie gewissenlos muss ein Firmenchef sein, der solche Filme gegen gutes Geld auf einer Internetplattform zur Verfügung stellt? Und wie armselig müssen Menschen sein, die solche Dienste nutzen, um ihrer gesellschaftlich allgemein geächteten pädophilen Neigung nachgehen zu können - Menschen quer durch alle Gesellschaftsschichten, oft verheiratet und mit Kindern? Tut mir leid, aber so sehr ich mich in die meisten Menschen einfühlen und sie verstehen kann - das hier verstehe ich einfach nicht, dafür fehlt mir jegliches Mit-Gefühl oder gar Mit-Leid.

Mein Mitleid und Mitgefühl gilt nur den Kindern und deren Eltern in Rumänien, deren finanzielle Not und Perspektivlosigkeit z. B. von dem deutschen "Filmemacher" Markus R. ausgenutzt wurden, um sie dazu zu bringen, für seine Filme zu posieren, die er dann in klingende Münze umwandelte, indem er sie an die kanadische Internetplattform weitergab. Mein Mitleid und Mitgefühl gilt allen Kindern, die Missbrauch ausgesetzt sind - übrigens überwiegend aus dem persönlichen Umfeld des Kindes, wie die Statistik zeigt, auch wenn andere Fälle natürlich medienträchtiger sind. Ich weiß, es gibt viele Neigungen, die das Internet abdecken kann, und diese Neigungen sollen die Leute auch meinetwegen ausleben, wie es ihnen gefällt, wenn da erwachsene Menschen auf Augenhöhe miteinander am Werk sind. Aber Kinder sind tabu. Abartige Neigungen machen aber leider vor keinem Tabu Halt.

Und hier ist es gut, wenn die Justiz mit aller Härte vorgeht. Dass solche Taten und Machenschaften an die Öffentlichkeit getragen und angeprangert werden. Die Strafen, die für Missbrauch verhängt werden, sind aber einfach nur lächerlich. Das Kind leidet ein Leben lang unter diesem Missbrauch, seine Bilder und Filme sind für alle Zeiten im Netz oder in Privatbesitz. Der Täter ist - wenn er überhaupt angeklagt wird - schon nach kurzer Zeit wieder frei.

Der "Filmemacher", der in dem Artikel genannt wurde, ist bereits wieder auf freiem Fuß. Er verhöhnt die recherchierenden Journalisten, aber vor allem die Opfer, mit dem Hinweis neben seiner Klingel, Zitat: "Für weitere Infos besuchen Sie bitte www.schon-mal-was-von-resozialisierung-gehört.de" (Zitatende). Resozialisierung bedeutet, dass ehemalige Täter wieder in eine soziale Gemeinschaft eingegliedert werden. Das bedeutet aber auch für mich, dass der Täter ein Unrechtsbewusstsein hat und seine Taten bereut. Das bedeutet weiter, dass er alles tut, um solche Taten in Zukunft zu vermeiden. Da habe ich aber meine Zweifel, wenn jemand bereits zwei Mal einschlägig tätig war, eine solche kriminelle Energie an den Tag gelegt hat, und dann auch noch so kaltschnäuzig jede Auseinandersetzung mit diesen Taten verweigert.

Ein Unrechtsbewusstsein fehlt solchen Filmemachern, solchen Missbrauchstätern, solchen Internetplattformen, aber vor allem auch den Nutzern solcher Filme. Sebastian Edathy, der besagte ehemalige Abgeordnete, sieht sich lieber als Opfer. Sein Leben sei zerstört worden, teilt er per SMS der "ZEIT" mit. So sieht er sich. Wie viele Leben von Kindern zerstört wurden, die für diese Filme "Modell standen" und nach Anweisung Handlungen an sich und anderen Kindern vornahmen, interessiert ihn nicht. Warum auch? Er hat sie ja nicht angefasst. "Nur" angesehen. Da ist doch nichts dabei. Oder?

Kommentare:

  1. Bezüglich des Schildes an der Klingel, da machen Sie es sich wohl etwas zu leicht. Nur weil ein Täter, der seine Freiheitsstrafe verbüßte, sich nicht von einem wütenden Pressemob vorführen lassen will, können Sie nicht den wenig geistreichen Schluss daraus ziehen, dieser Mensch würde sich nicht mit seinen Taten auseinandersetzen oder völlig zusammenhangslos in den Raum stellen, ein Schild an einer Haustüre in Süddeutschland würde Opfer in Nordrumänien verhöhnen. Wie kommen Sie überhaupt zu solch abstrusen Behauptungen, müssen Opfer wirklich für jede noch so schwachsinnige Argumentation herhalten, nur weil es sich chic anhört? Ist ein Täter nur dann einsichtig, wenn er sensationslustigen Journalisten, die mit Fotoapparaten bewaffnet sein Haus belagern, Rede und Antwort steht? Der Mann stand vor seinem Richter und ist nun in Ruhe zu lassen. Und wenn Sie das anders sehen, dann sollten Sie eine Auswanderung nach Kuba oder Nordkorea in betracht ziehen. Dort finden Sie dann mit Ihrer Auffassung von Rechtsstaatlichkeit sicher Gleichgesinnte.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich danke Ihnen für Ihre Antwort, auch wenn Sie anonym abgegeben wurde. Eine Antwort ist mir lieber als Schweigen. Ich finde es übrigens gut, dass wir in einem Land leben, in dem wir noch unsere Meinung sagen dürfen. Allerdings ziehe ich es vor, meine Meinung mit meinem Namen zu sagen und nicht anonym. So kann man natürlich leicht Leute beschimpfen.
      Meine Schlussfolgerung mag zwar in Ihren Augen abstrus sein, Ihre Schlussfolgerung klingt in meinen Augen nicht minder unlogisch. Vor allem ist sie unhöflich, was aber leicht geht, wenn man anonym bleibt. Jemandem eine schwachsinnige Argumentation zu unterstellen, nur weil man eine andere Meinung hat, ist auch nicht gerade schlüssig und rational. Aber, wie gesagt, hier in Deutschland herrscht, wie gesagt, noch die Meinungsfreiheit. Es steht Ihnen frei, zu denken, was Sie wollen.
      Ich bleibe bei meiner Meinung, dass der Hinweis an der Klingel eine Verhöhnung ist. Er hätte ja auch gar nichts schreiben müssen.
      Vom Pressemob halte ich auch nichts. Allerdings bin ich für gut recherchierte Informationen, damit ich weiß, was in dieser Welt vor sich geht. Viel zu viele Informationen gehen unter oder erscheinen in den Medien nur am Rande.
      Den Hinweis auf den Rechtsstaat kann man natürlich immer leicht führen, wenn man sich vorher einfach über geltendes Recht und die Rechte anderer hinweggesetzt hat. Dann plötzlich ist der Rechtsstaat sehr, sehr wichtig!
      Meine Auffassung von Rechtsstaatlichkeit ist übrigens weitgehend die unseres Staates. Ich prangere nur an, dass ein Mann, der mit einer Plastikpistole eine Bank überfällt, eine härtere Strafe bekommt als jemand, der Menschenleben durch Missbrauch zerstört. Um abzuschrecken, müsste die alte Regelung, dass Geldwerte mehr zählen als Menschen, abgeschafft werden durch den Taten und ihrer Wirkung wirklich angepasste Strafen.
      Das ist mit einem totalitären Staat nicht zu vergleichen. Für die Todesstrafe bin ich nicht. Die Menschen, die gegen geltendes Recht verstoßen haben, sollen gefälligst mit dem leben, was sie gemacht haben. Ihr eigenes Gewissen wird sie immer wieder daran erinnern, was sie getan haben. Jeder Mensch hat ein Gewissen. Daran glaube ich und darauf hoffe ich - denn das ist es, was mir das Wissen um diese Taten einigermaßen erträglich macht.
      Ich habe in meiner Vergangenheit einiges gemacht, was zwar nicht gegen das Gesetz verstößt, aber in meinen Augen nicht in Ordnung war. Ich muss damit leben, dass mein Gewissen mich immer wieder darauf hinweist.
      Jeder wird mit zunehmendem Alter von seinem Gewissen auf seine Fehler hingewiesen. Der eine auf mehr, der andere auf weniger. Wir müssen am Ende unseres Lebens vor einem Richter stehen, der nicht nur diese Taten beurteilt, sondern auch, ob wir von ihnen gelernt haben und danach versucht haben, es besser zu machen.
      Ich weiß, es ist in der heutigen Zeit nicht mehr "in" und wird lächerlich gemacht, wenn man sich dazu bekennt, an Gott zu glauben, aber ich stehe dazu und sehe auch Ihrem eventuellen Spott mit Gelassenheit entgegen.
      Mit freundlichen Grüßen, Irmgard

      Löschen
  2. es ist so traurig wie die gesellschaft allgemein reagiert und zur tagesordnung übergeht, zumeist zur nächsten sensation.
    unrechtsbewusstsein - reflektion, wenig und kurz.
    oft reagiere ich dann ungeduldig und gifte:
    irgendwann hat die hebamme keine schuld mehr und mensch kann begreifen was in ihm abgeht...
    liebe grüsse und herzlichen dank für diesen deinen eintrag!
    kelly

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Kelly,
      ich denke mir auch oft meinen Teil, aber manchmal muss ich einfach meiner Wut Ausdruck geben. Ich danke Dir für Deine Rückmeldung.
      Ja, ich denke, es herrscht momentan zum großen Teil so eine Stimmung hier bei uns: Hauptsache, mir geht es gut, was gehen mich die anderen an?
      Alles Liebe, Irmgard

      Löschen
  3. Das ist eine böse Geschichte, liebe Irmgard!
    Leider wird das nur ein Tropfen auf dem heissen Stein sein, das Internet ist voll davon, immer wieder kommt Neues ans Tageslicht. Und die Ärmdsten der Armen werden von solch skrupellosen Leuten ausgenutzt.
    Ich kann Anonym allerdings auch nicht nachvollziehen, denn durch den Zusatz an der Klingel: www.schon-mal-was-von-resozialisierung-gehört.de macht er ja gerade auf sich aufmerksam! ;-) Lächerlich, das Ganze!
    Wenn er gar nichts an der Klingel hätte stehen lassen, aber so!!??
    Da ist wahrhaftig zu bezweifeln, daß er ein Unrechtsbewusstsein entwickelt hat.
    Liebe Grüße
    Sara

    AntwortenLöschen